Noten und Zeugnisse begleiten Kinder und Jugendliche während ihrer gesamten schulischen Laufbahn. Bei der Beschäftigung mit Schülerbiographien fällt sehr häufig auf, dass Noten und Zeugnisse bleibende Spuren hinterlassen. Sie prägen die eigene Wahrnehmung und die Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsvermögens und formen den eigenen Blick auf die Schule. Noten gelten als traditionsreich, handhabbar, leicht verständlich und justiziabel. Auch scheinen sie auf Akzeptanz bei den Schülern und Eltern zu treffen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben die Reformpädagogen Konsequenzen aus den pädagogischen Schwächen alleiniger Ziffernbenotung aufzuzeigen versucht. Dementsprechend haben die meisten Gründer von Reformschulen betont, dass eine reine Ziffernbeurteilung höchst unzureichend sei, im Blick auf eine das Lernen begleitende und differenzierende Diagnose.
Ziel unserer Arbeit war es herauszufinden, für welches Beurteilungssystem (Ziffernnotensystem, Verbale Beurteilung, Pensenbuch, Portfolio) sich Schüler entscheiden würden und wie sich die traditionelle Benotung auf die Motivation und Schulangst der Schüler auswirkt.
Wie wirken sich die unterschiedlichen Formen der Leistungsbeurteilung auf die Leistungsmotivation der Jugendlichen aus?
Welche Form der Beurteilung würden Schüler unter den Gesichtspunkten Motivation, Angst, Gerechtigkeit, Transparenz und Objektivität bevorzugen?
Damit die Schüler eine Zeugnisnote bekommen, muss ein zweiphasiger Prozess durchlaufen werden, dessen Rechtsgrundlage die LBVO (Leistungsbeurteilungsverordnung) beziehungsweise das SchUG (Schulunterrichtsgesetz) ist. In einem ersten Schritt muss die Schülerleistung ermittelt werden, indem die Lernprozesse „gemessen“ werden. Dieser erste Schritt wird als Leistungsfeststellung bezeichnet.
Dabei sind im Wesentlichen folgende Formen der Leistungsfeststellung zu unterscheiden:
Im Anschluss an die Leistungsfeststellung erfolgt die Leistungsbeurteilung. Das bedeutet, dass die Messergebnisse beurteilt und durch Noten (Beurteilungsstufen) ausgedrückt werden. Sowohl die Leistungsfeststellung als auch die Leistungsbeurteilung haben der LBVO zu entsprechen.
In Österreich wird die Form der verbalen Leistungsbeurteilung schon seit etwa 1970 in einigen Schulen im Rahmen von Schulversuchen anzutreffen. Eine verbale Leistungsbeurteilung soll im Allgemeinen in einer ermutigenden, motivierenden, keinesfalls deprimierenden Art erfolgen. Es sollte vor allem der Lernfortschritt in den einzelnen Lehrplanbereichen beschreiben und kein Leistungsvergleich angestellt werden.
Unter Portfolio wird eine Sammlung von Unterlagen verstanden, welche den Leistungsfortschritt von Schülern zeigt. Es sind darin unterschiedliche, ausgewählte Schülerarbeiten und auch z.B. Selbstbeurteilungen der Schüler, Lernentwicklungsberichte, Referate, Tests, etc. enthalten. Indem die Schüler den Inhalt der Mappe selbst auswählen und dadurch die Qualität ihrer Lernprodukte selbst beurteilen müssen, wird die Selbstständigkeit gefördert, aber auch gefordert.
Das Pensenbuch beinhaltet die Lernziele der jeweiligen Schulstufe, hat der Schüler diese erreicht werden sie abgehakt. Konnte ein Lernziel nicht erreicht werden, kann er dies jederzeit aufarbeiten. Der Schüler weiß so immer über seine Defizite bescheid.
Das Pensenbuch hat die Form einer Matrix, wobei die Zeilen die Teilaspekte eines Leistungsbereichs vorgeben. Der Lehrer kann in die Spalten den Grad des Könnens der Tätigkeit durch den Schüler anführen.
Am Ende des Schuljahres nehmen die Schüler das Pensenbuch mit nach Hause. Es findet auch ein abschließendes Gespräch zwischen Eltern, Lehrer und Schüler statt, in welchem offene Fragen diskutiert werden. In diesem Gespräch erhalten die Schüler außerdem einen genauen Bericht über ihre Lernfortschritte und ihren Leistungsstand.
Da unser Fragebogen sehr ausführlich gestaltet ist, mussten wir uns bei der genaueren Auswertung auf wenige essentielle Aspekte konzentrieren. Folgende Fragestellungen werden wir ausführlich auswerten und interpretieren:
Die erfasste Stichprobe umfasste 63 Schüler von einer Hauptschule, einem Gymnasium und drei BHS (HAK; HTL; HBLA). Dabei entfielen 16 Schüler auf die Hauptschule, 25 auf das Gymnasium und 22 auf die BHS.
17 Schüler gaben an, dass Noten in allen Fächern abgeschafft werden sollten. 21 der Befragten sind der Meinung, dass in den Fächern Religion und Turnen keine Noten vergeben werden sollten. Nach 14 Schülern soll das derzeitige Notensystem bestehen bleiben. 10 Schüler waren unentschlossen und ein Schüler machte keine Angabe.
Zusammenfassend kann festgehalten werden dass der Großteil der Befragten für eine ganze oder teilweise Abschaffung der Noten ist. Dieses Ergebnis bestätigt, dass Diskussionen über alternative Leistungsbeurteilungsformen durchaus berechtigt im Raum stehen.
Resultierend aus der vorangehenden Frage sprachen sich 38 Schüler für eine alternative Leistungsbeurteilungsform aus. Wobei dabei das Pensenbuch als beliebteste Form angeführt wurde. Auch das Portfolio nennen 14 Schüler als interessante Variante. Nur drei Schüler würden eine verbale Leistungsbeurteilung bevorzugen. Sechs Befragte konnten sich für keine der angeführten Formen entscheiden, sind jedoch nicht mit dem Ziffernnotensystem zufrieden. 19 Schüler halten an der Notenvergabe des Ziffernnotensystems fest.
9 Schüler fühlen sich durch das Ziffernnotensystem ungerecht behandelt. Dieses Ergebnis ist ein weiterer Denkanstoß in Richtung alternativer Leistungsbeurteilung und sollte die Lehrer zu mehr Objektivität und Transparenz anhalten.
Bezüglicher der Ursache der ungerechten Beurteilung wurde seitens der Schüler als einzige verwertbare Antwort, die Lehrperson und deren subjektive Einschätzung angegeben.
Insgesamt gaben 18 Schüler an, dass Noten bei ihnen bereits Schulangst hervorgerufen haben. 37 Schüler wurden noch nie mit Schulangst durch Noten konfrontiert, 8 Schüler machte keine Angabe. Bei der Zerlegung der Gesamtstichprobe in die jeweiligen Schultypen ist erkennbar, dass Schulangst durch Noten v.a. im Gymnasium eine Rolle spielt. Als Gründe wurden hauptsächlich der erhöhte Leistungsdruck durch die Eltern bzw. die Angst vor einer Entscheidungsprüfung genannt. Generell besteht bei Schülern keine Angst vor Lehrern, außer in der BHS nannten drei Schüler die Angst vor dem Lehrer als Motiv für ihre Schulangst.